Think First, ChatGPT Later: Von der Herausforderung, kritisch zu denken

Think First, ChatGPT Later: Von der Herausforderung, kritisch zu denken

Wer zuerst selbst denkt und die KI erst danach einbezieht, lernt nachhaltiger. Das zeigt eine aktuelle Studie, die Referentinnen der Universität Zürich an der schulinternen Weiterbildung der KSK vorstellten. Der Tag stand ganz im Zeichen des Kritischen Denkens, in Theorie und Praxis.

Michael Volkart

Kritisches Denken findet an der KSK schon seit eh und je statt. Durch die Digitalisierung und die rapide KI-Entwicklung hat der Begriff in den letzten Jahren aber weiter an Bedeutung gewonnen. Dies lässt sich am neuen Rahmenlehrplan für Maturitätsschulen erkennen, den die EDK 2023 verabschiedet hat und der in allen Schweizer Kantonen Reformen für die Gymnasien nach sich zieht. Kritisches Denken ist demgemäss eine am Gymnasium zu fördernde überfachlich-methodische Kompetenz, die darin besteht, Sachverhalte differenziert und eigenständig zu analysieren, diese in die eigene Urteilsbildung einzubeziehen und dabei eigene und fremde Vorurteile zu erkennen und auszuschliessen.

Schulische Projekte

Bereits 2024 hat sich an der KSK eine Arbeitsgruppe dem Thema Kritisches Denken angenommen und hat die Aktionswoche Kritisches Denken ins Leben gerufen, die seit dem vergangenen Schuljahr jeweils im November für alle Jahrgänge der KSK durchgeführt wird. Als nun am ersten Montag nach den Herbstferien dieses Schuljahrs eine schulinterne Weiterbildung für die Lehrpersonen zum Thema Kritisches Denken stattfand, stand darum insbesondere die praktische Umsetzung des Themas im Vordergrund. Wie kann Kritisches Denken im Unterricht geübt und sichtbar gemacht werden?

Die Theorie des Kritischen Denkens

Im ersten Teil der Weiterbildung gaben die Referentinnen des Instituts für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich einen Einblick in die Theoriebildung zum Begriff des Kritischen Denkens und zeigten auf, dass sich kritisches Denken an bestimmten Aktivitäten beziehungsweise Kompetenzfacetten erkennen lässt: Wer kritisch denkt, kann ein Problem spezifizieren, die Relevanz und Vertrauenswürdigkeit von Informationen abschätzen, Beurteilungsfehler aufgrund von «schnellem Denken» vermeiden, die Folgen von Handlungsalternativen abwägen und Entscheidungen und Massnahmen präzise kommunizieren. Zur Frage, wie sich dies im Unterricht fördern lässt, wurden verschiedene Vorschläge vorgestellt. Wichtig sei, so die Referentinnen, dass in authentischer Weise an echten Problemen gearbeitet werde. Methodisch könne dabei beispielsweise auf dialogischen Unterricht oder auf Formen des Mentorings zurückgegriffen werden.

Prof. Dr. Doreen Flick-Holtsch von der Universität Zürich referierte am Vormittag in der Aula (Julia Heier).

Kritisches Denken und Künstliche Intelligenz

Die aktuell wohl brennendsten Fragen bezüglich des Kritischen Denkens stellen sich aufgrund der mittlerweile omnipräsenten Künstlichen Intelligenz. Die Referentinnen stellten das Thema an den Schluss ihres Inputs vom Vormittag und bestätigten anhand empirischer Studien, was viele Lehrpersonen bereits intuitiv in den Klassenzimmern wahrnehmen: Eine unreflektierte und vorschnelle KI-Nutzung steht einem nachhaltigen Lernerfolg oft im Weg, da regelmässiges «cognitive offloading», die regelmässige Auslagerung des Denkprozesses an eine KI, langfristig auch «cognitive surrender» nach sich ziehen kann, die kognitive Kapitulation vor denkerischen Herausforderungen. Das heisst mitnichten, dass auf die Arbeit mit KI-Tools verzichtet werden soll. Eine von den Referentinnen vorgestellte jüngere Studie aus Singapur hat im universitären Kontext gezeigt, dass KI vor allem dann lernförderlich sein kann, wenn sie nicht als erster Schritt in der Auseinandersetzung mit einer Fragestellung konsultiert, sondern erst nach einer ersten eigenen Urteilsbildung beigezogen wird. Inwiefern sich die Losung «Think First, ChatGPT Later», die die Autorinnen der Studie formuliert haben, auch auf den gymnasialen Kontext übertragen lässt, wird aktuell untersucht.

Die Überführung in die Praxis

Im zweiten Teil der Weiterbildung ging es dann um die praktische Umsetzung. Die Lehrpersonen erarbeiteten meist zu zweit handlungsorientierte Aufgaben und Projekte anhand einer vorgegebenen Szenario-Methode. Die oft interdisziplinär aufgestellten Tandems entwickelten dabei Projekte zu einer Fülle von Themen, seien dies beispielsweise die Schülerproteste in Frankreich, das Leben am Vulkan aus literarischer und geografischer Perspektive, der Zusammenhang von Heizung und Umwelt oder die kulturelle Aneignung des Jazz. Auf die Umsetzung der Projekte im Unterricht oder im Rahmen einer Sonderwoche darf man entsprechend gespannt sein.

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