{"id":2392,"date":"2023-03-18T08:27:40","date_gmt":"2023-03-18T08:27:40","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.ksk.ch\/?p=2392"},"modified":"2023-03-18T08:27:40","modified_gmt":"2023-03-18T08:27:40","slug":"auf-besuch-im-kantonalgefaengnis-frauenfeld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.ksk.ch\/index.php\/2023\/03\/18\/auf-besuch-im-kantonalgefaengnis-frauenfeld\/","title":{"rendered":"Besuch im Kantonalgef\u00e4ngnis Frauenfeld"},"content":{"rendered":"\n<p>Gef\u00e4ngnisse kennen die meisten von uns zum Gl\u00fcck nur von aussen. Doch wie sieht der Alltag in einem Schweizer Gef\u00e4ngnis aus? Warum kommt jemand ins Gef\u00e4ngnis und wozu dient die Zeit hinter Gittern? Bei einem Besuch im Kantonalgef\u00e4ngnis Frauenfeld (KG Frauenfeld) konnten die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler des Erg\u00e4nzungsfachs Philosophie auf diese Fragen Antworten finden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Michael Volkart<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Wer das KG Frauenfeld betritt, muss ein mehrstufiges System von Sicherheitsschleusen durchschreiten. Erst nachdem sich hinter einem die T\u00fcr geschlossen hat, \u00f6ffnet sich die T\u00fcr zum n\u00e4chsten Raum. Von der Anmeldung geht es weiter zur Sicherheitskontrolle. Ein Metalldetektor \u00fcberpr\u00fcft, ob keine verbotenen Gegenst\u00e4nde, zum Beispiel Mobiltelefone, mitgef\u00fchrt werden. Hinter der n\u00e4chsten Schleuse warten dann die Besucherr\u00e4ume. H\u00e4ftlinge k\u00f6nnen hier w\u00e4hrend einer Stunde je Woche ihre Angeh\u00f6rigen treffen \u2013 je nach Sicherheitsbestimmungen in einem offenen Besuchszimmer oder in einem durch eine Glasscheibe getrennten Raum. W\u00e4hrend die Besuche der Angeh\u00f6rigen an diesem Punkt enden, geht unser Gef\u00e4ngnisbesuch nun erst richtig los. Wir betreten den H\u00e4ftlingstrakt, besichtigen die verschiedenen Zellentypen und lassen uns versuchsweise in einer der spartanisch eingerichteten Zellen einschliessen \u2013 ein beklemmendes Gef\u00fchl tritt ein, als die schwere T\u00fcr sich schliesst und die Metallbolzen h\u00f6rbar ins Schloss gekurbelt werden. Schnell wird klar, dass der Gef\u00e4ngnisleiter recht hat, wenn er sagt, dass der oft geh\u00f6rte Vorwurf der Kuscheljustiz nicht zutreffend sei.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Vergeltung als Leitlinie<\/h2>\n\n\n\n<p>Wer ein Verbrechen begangen hat, wird daf\u00fcr bestraft. Dies mag uns selbstverst\u00e4ndlich erscheinen, doch aus rechtsstaatlicher Sicht bedarf es einer Begr\u00fcndung. Einer traditionellen, bis in die Antike zur\u00fcckgehenden Denkschule zufolge liefert die Idee der Vergeltung diese Begr\u00fcndung: Wer etwas Schlechtes getan hat, dem oder der soll ebenfalls etwas Schlechtes widerfahren. Die Richtschnur, nach der sich die H\u00f6he einer Strafe bemisst, liefert dabei das Prinzip der Gleichheit von Straftat und Bestrafung. Der deutsche Philosoph Immanuel Kant h\u00e4lt dazu fest: \u00abWas f\u00fcr unverschuldetes \u00dcbel du einem anderen im Volk zuf\u00fcgest, das tust du dir selbst an.\u00bb Als Teil der gemeinsamen Rechtsordnung ist also \u2013 so meint Kant \u2013 jeder Mensch dazu verpflichtet, sich an diese Ordnung zu halten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Warum es Strafe gibt und braucht<\/h2>\n\n\n\n<p>Welchen Nutzen hat es aber f\u00fcr eine Gesellschaft, wenn jemand bestraft wird? Im 19. Jahrhundert setzte sich die Idee durch, dass staatliches Handeln den allgemeinen Nutzen bef\u00f6rdern soll. Vergeltung galt fortan als wenig sinnvoll, denn eine Strafe allein macht die Welt nicht besser, sondern sie f\u00fcgt zum \u00dcbel der Tat noch das \u00dcbel der Strafe hinzu. Dem Prinzip der Vergeltung wurde deswegen zunehmend das Prinzip der Pr\u00e4vention entgegengestellt. Genau in ihrem pr\u00e4ventiven Wesen n\u00e4mlich kann eine Strafe durchaus n\u00fctzlich sein \u2013 indem sie das Rechtsbewusstsein in der Bev\u00f6lkerung st\u00e4rkt und diese davon abh\u00e4lt, \u00e4hnliche Delikte zu begehen, aber auch indem sie den T\u00e4ter oder die T\u00e4terin als funktionierendes Gesellschaftsmitglied resozialisiert und ihn oder sie davon abh\u00e4lt, die Tat zu wiederholen. Das Schweizer Strafgesetzbuch betont in diesem Zusammenhang in Artikel 75 vor allem den Gedanken der Resozialisierung: \u00abDer Strafvollzug hat das soziale Verhalten des Gefangenen zu f\u00f6rdern, insbesondere die F\u00e4higkeit, straffrei zu leben.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><meta charset=\"utf-8\">Ein menschenfreundliches Gef\u00e4ngnis?<\/h2>\n\n\n\n<p>Im weiteren Verlauf unseres Besuchs im KG Frauenfeld wird uns klar, wie gross hier die Bem\u00fchung ist, diese Resozialisierung zu erm\u00f6glichen. Es sind viele kleine Dinge, die in der Summe dazu beitragen. So werden beispielsweise die R\u00e4umlichkeiten von den H\u00e4ftlingen selbst sauber gehalten. Anliegen von H\u00e4ftlingen werden in sogenannten \u00abHausbriefen\u00bb an die Gef\u00e4ngnisleitung \u00fcbergeben, gepr\u00fcft und es wird ihnen im Rahmen der M\u00f6glichkeiten entsprochen. F\u00fcr den Gef\u00e4ngnisleiter ist klar: \u00abRespekt beruht auf Gegenseitigkeit.\u00bb Ein Anliegen des Gef\u00e4ngnisleiters ist es darum, alle H\u00e4ftlinge in ihrer Landessprache ansprechen zu k\u00f6nnen \u2013 bei aktuell 37 Nationen kein leichtes Unterfangen. Doch die Bem\u00fchungen zahlen sich aus. Innert weniger Jahre konnten damit die gewaltt\u00e4tigen Vorf\u00e4lle innerhalb des Gef\u00e4ngnisses, die zu Arrest in Spezialzellen f\u00fchren, um rund 80 Prozent gesenkt werden. Zum Schluss unseres Rundgangs treffen wir in einem kleinen Raum auf eine Gruppe H\u00e4ftlinge, die gerade den Sprachunterricht besuchen. Es sei kein guter Ort, an dem sie sich bef\u00e4nden, gibt uns einer der Gefangenen zu bedenken. Ein zweiter H\u00e4ftling f\u00fcgt \u2013 gleichsam als Warnung \u2013 hinzu: \u00abYou\u2019ll all be here one day.\u00bb Er best\u00e4tigt damit, was uns der Gef\u00e4ngnisleiter bereits zu Beginn unseres Besuchs gesagt hat: Vor einer Straftat ist niemand gefeit. Es sind meist keine schlechten Menschen, die im Gef\u00e4ngnis sitzen \u2013 viel mehr ist ihnen einfach in einer Phase ihres Lebens das Gl\u00fcck abhandengekommen. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/blog.ksk.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Gefaengnis-P-2-zVg-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2405\" srcset=\"https:\/\/blog.ksk.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Gefaengnis-P-2-zVg-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.ksk.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Gefaengnis-P-2-zVg-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.ksk.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Gefaengnis-P-2-zVg-768x576.jpg 768w, https:\/\/blog.ksk.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Gefaengnis-P-2-zVg-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/blog.ksk.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Gefaengnis-P-2-zVg-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Das Erg\u00e4nzungsfach Philosophie besucht das Kantonalgef\u00e4ngnis Frauenfeld. (Bild: zVg)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gef\u00e4ngnisse kennen die meisten von uns zum Gl\u00fcck nur von aussen. Doch wie sieht der Alltag in einem Schweizer Gef\u00e4ngnis aus? 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