{"id":4695,"date":"2026-01-05T13:57:48","date_gmt":"2026-01-05T13:57:48","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.ksk.ch\/?p=4695"},"modified":"2026-01-05T14:18:49","modified_gmt":"2026-01-05T14:18:49","slug":"von-der-pflicht-gluecklich-zu-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.ksk.ch\/index.php\/2026\/01\/05\/von-der-pflicht-gluecklich-zu-sein\/","title":{"rendered":"Von der Pflicht, gl\u00fccklich zu sein &#8230;"},"content":{"rendered":"\n<p>Wieder beginnt ein neues Jahr und wieder stellt sich uns die Frage: Geht alles weiter wie bisher? Was soll anders werden? <\/p>\n\n\n\n<p><em>Ein Gespr\u00e4ch mit Rektor Dr. phil. Marcello Indino (Julia Heier)<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wenn du auf das vergangene Jahr zur\u00fcckschaust: Was hat dich als Rektor am meisten gefordert?<\/h2>\n\n\n\n<p>Der <em>Spiegel<\/em> hat im Dezember eine Artikelreihe mit dem Titel \u00abGeneration Krise\u00bb publiziert, in der die Lebenswelt unserer Jugendlichen in d\u00fcsteren Farben skizziert wird. Der darin angeschlagene Tenor erachte ich generell als zu pessimistisch; trotzdem mache ich teils \u00e4hnliche Beobachtungen und Erfahrungen: Mit jeder neuen M\u00f6glichkeit nehmen gewissermassen auch die M\u00f6glichkeiten zu, sich falsch zu entscheiden oder sich bereits falsch entschieden zu haben. Dass das Leben kein Jump-\u2019n\u2019-Run mehr ist, kann kaum kritisiert werden. Ebenso ist aber nachvollziehbar, dass ein prozedurales Open-World-Setting \u00fcberfordernd sein kann. Von der Geschwindigkeit des gesellschaftlichen Wandels ist die Generation unserer Jugendlichen weitaus st\u00e4rker betroffen, als es etwa meine Generation im Jugendalter war. Insofern ist es f\u00fcr mich tagt\u00e4glich die gr\u00f6sste Herausforderung, unsere Lebenswelt effektiv aus der Perspektive unserer Jugendlichen zu erfassen und damit unsere Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler besser verstehen zu k\u00f6nnen. Nat\u00fcrlich sind Schulen, wie jedes gesellschaftliche System, auf strukturelle Kontinuit\u00e4t ausgerichtet. Beispielsweise werden Lehrpl\u00e4ne mit dem Anspruch verfasst, \u00fcber Jahre hinweg G\u00fcltigkeit zu haben. Doch ob sie tats\u00e4chlich den Anforderungen gerecht werden, denen Jugendliche in Zukunft ausgesetzt sein werden, wird sich erst im Nachhinein feststellen lassen. Kurzum, am st\u00e4rksten fordert mich die Frage, ob Bildung, wie ich sie selbst erworben habe und wie ich sie noch heute verstehe, tats\u00e4chlich am Puls der Zeit ist oder nicht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">&#8230; und was am meisten erfreut?<\/h2>\n\n\n\n<p>Vermutlich denkt man bei dieser Frage zuerst an die grossen Ereignisse, die etwas l\u00e4nger und lauter nachhallen. Etwa an einen Abschlussjahrgang, der ohne Misserfolge die Matura geschafft hat, oder an das neue p\u00e4dagogische Leitbild, das nach zwei Jahren intensiver Arbeit das Licht der Welt erblickt hat. Pers\u00f6nlich freuen mich aber die weniger sichtbaren Ereignisse st\u00e4rker: Die Kantonsschule Kreuzlingen versteht sich weiterhin als famili\u00e4re Schule \u2013 obwohl sie seit einigen Jahren nicht mehr wirklich eine kleine Schule ist. Famili\u00e4r ist sie, weil sie nicht nur einen allgemeing\u00fcltigen Rahmen f\u00fcr die gesamte Schulgemeinschaft bildet, sondern auch Energie und Zeit in individuelle L\u00f6sungen investiert. Hierf\u00fcr gehen Lehrpersonen und Schulleitung manchmal unorthodoxe Wege. Wann immer dieses Engagement belohnt wird, schenkt dies meiner Arbeit viel Sinnhaftigkeit. Aber auch jede gelungene Neuanstellung, jeder erfolgreiche \u00dcbertritt zu unserer Schule oder jedes bewilligte Bildungssemester freut mich enorm. Summarisch sind alle kleinen Schritte erfreulich, die aus unserer Schule einen Ort machen, an dem man vieles lernt und ebenso gerne lebt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/blog.ksk.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/IMG_6510-1-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4708\" srcset=\"https:\/\/blog.ksk.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/IMG_6510-1-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/blog.ksk.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/IMG_6510-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/blog.ksk.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/IMG_6510-1-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.ksk.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/IMG_6510-1-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/blog.ksk.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/IMG_6510-1-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Rektor Dr. phil. Marcello Indino bei seiner letztj\u00e4hrigen Weihnachtsansprache. (Julia Heier)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was besch\u00e4ftigt dich und die KSK aktuell?<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Revision des Maturit\u00e4tsreglements wirkt auf dem Papier minimalistisch beziehungsweise liesse sie sich f\u00fcr uns mit geringem Aufwand umsetzen. Vieles, etwa im Bereich Interdisziplinarit\u00e4t, Chancengerechtigkeit oder Einsatz f\u00fcr das Gemeinwohl, haben wir in den letzten Jahren gewissermassen vorweggenommen. Sieht man davon ab, stellt sie aber vor allem eine Chance dar, das eigene Curriculum grundlegend zu \u00fcberdenken und eine \u2013 noch st\u00e4rkere \u2013 Vernetzung der einzelnen Disziplinen voranzutreiben. Dies etwa im Sinne einer Konsolidierung des Curriculums, enger an einen gemeinsamen, interdisziplin\u00e4ren roten Faden. Also beispielsweise interdisziplin\u00e4re Unterrichtsphasen im Regelunterricht \u2013 so, wie wir es im Rahmen von Tandems punktuell jetzt schon praktizieren. Zum Beispiel mehrere Unterrichtswochen zum Themenfeld \u00abAutorit\u00e4t und Widerstand\u00bb im Geschichts-, Philosophie- und Rechtsunterricht sowie in allen Sprachf\u00e4chern oder zum Themenbereich \u00abWahrnehmung und T\u00e4uschung\u00bb im Physik-, Biologie-, Musik- und Kunstunterricht. Aber auch Veranstaltungsreihen oder Sondergef\u00e4sse, die den \u00fcberfachlichen Kompetenzen gewidmet beziehungsweise darauf ausgerichtet sind.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Welche Entwicklungen m\u00f6chtest du im neuen Jahr unbedingt weiterverfolgen?<\/h2>\n\n\n\n<ol start=\"4\" class=\"wp-block-list\"><\/ol>\n\n\n\n<p>Wir haben mit dem neuen p\u00e4dagogischen Leitbild unsere Werte, aber auch unsere Entwicklungsziele, nicht nur bildlich gesprochen, kartiert und in einen sinnhaften Zusammenhang gebracht. Nun wird es darum gehen, sie auch im Schulalltag, also im gemeinsamen Umgang, einzuflechten. Nicht nur im Sinne expliziter Referenzierung, sondern vielmehr als gelebte Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Zum einen nat\u00fcrlich im Unterricht, zum anderen aber auch in Bezug auf soziale Normen. Nehmen wir etwa die gr\u00fcne Trasse, die sich zwischen Offenheit sowie Neugierde bewegt und etwa \u00fcber Erm\u00f6glichungskultur sowie Begeisterungsf\u00e4higkeit f\u00fchrt \u2026 Erm\u00f6glichungskultur und Offenheit auf der einen Seite m\u00fcssen von Neugierde und Begeisterungsf\u00e4higkeit auf der anderen Seite gen\u00e4hrt werden (und umgekehrt), um erhalten zu bleiben. Innerhalb der Schulgemeinschaft sollte sich also in allen Bereichen des p\u00e4dagogischen Leitbildes ein allt\u00e4gliches, gegenseitiges Geben und Nehmen entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Welche Rolle spielt k\u00fcnstliche Intelligenz an der KSK heute \u2013 und welche sollte sie in den n\u00e4chsten Jahren spielen?<\/h2>\n\n\n\n<ol start=\"5\" class=\"wp-block-list\"><\/ol>\n\n\n\n<p>Wir haben vor wenigen Monaten eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die sich mit dem Pr\u00fcfen und dem Bewerten in Zeiten k\u00fcnstlicher Intelligenz auseinandersetzt. Mitglieder sind Lehrpersonen verschiedener Fakult\u00e4ten, sodass m\u00f6glichst alle Perspektiven Beachtung finden. Der Fokus liegt aktuell auf der Maturit\u00e4tsarbeit und dem neu eingef\u00fchrten Fachgespr\u00e4ch. Die Entwicklungsarbeit soll sich aber nicht darauf beschr\u00e4nken, sondern kritisch hinterfragen, wie Leistungsnachweise in naher Zukunft gewissermassen KI-tauglich gemacht werden k\u00f6nnen. Es w\u00e4re falsch, davon auszugehen, dass alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler bald ihre Texte nur mit mehr oder weniger grosser Unterst\u00fctzung einer k\u00fcnstlichen Intelligenz verfassen werden. Ebenso falsch w\u00e4re es aber, dieses Szenario g\u00e4nzlich zu negieren. Und an diesem Punkt er\u00f6ffnet sich eine grunds\u00e4tzliche Frage \u2026 Wie k\u00f6nnen wir als Schule den zunehmenden Einsatz von KI mit unseren Bildungszielen in Einklang bringen?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Welchen Wunsch oder welche Botschaft gibst du der Schulgemeinschaft zum Jahresstart mit?<\/h2>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte mich an den franz\u00f6sischen Philosophen Emile-Auguste Chartier (1868\u20131951) halten \u2026 Trotz individueller Alltagswidrigkeiten und globalen Multikrisen befinden wir uns in einer sehr privilegierten Lebenslage, die wir uns nicht erarbeitet oder verdient haben, sondern die uns (warum auch immer) einfach zugetragen wurde. Nicht nur was den Zugang und die Qualit\u00e4t von Bildung betrifft, sondern ganz generell. Und damit haben wir \u2013 nicht zuletzt als Zeichen der Wertsch\u00e4tzung und Dankbarkeit \u2013 zumindest die Pflicht, gl\u00fccklich zu sein.<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"6\" class=\"wp-block-list\"><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder beginnt ein neues Jahr und wieder stellt sich uns die Frage: Geht alles weiter wie bisher? Was soll anders werden? 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