Von der Pflicht, glücklich zu sein …

Von der Pflicht, glücklich zu sein …

Wieder beginnt ein neues Jahr und wieder stellt sich uns die Frage: Geht alles weiter wie bisher? Was soll anders werden?

Ein Gespräch mit Rektor Dr. phil. Marcello Indino (Julia Heier)

Wenn du auf das vergangene Jahr zurückschaust: Was hat dich als Rektor am meisten gefordert?

Der Spiegel hat im Dezember eine Artikelreihe mit dem Titel «Generation Krise» publiziert, in der die Lebenswelt unserer Jugendlichen in düsteren Farben skizziert wird. Der darin angeschlagene Tenor erachte ich generell als zu pessimistisch; trotzdem mache ich teils ähnliche Beobachtungen und Erfahrungen: Mit jeder neuen Möglichkeit nehmen gewissermassen auch die Möglichkeiten zu, sich falsch zu entscheiden oder sich bereits falsch entschieden zu haben. Dass das Leben kein Jump-’n’-Run mehr ist, kann kaum kritisiert werden. Ebenso ist aber nachvollziehbar, dass ein prozedurales Open-World-Setting überfordernd sein kann. Von der Geschwindigkeit des gesellschaftlichen Wandels ist die Generation unserer Jugendlichen weitaus stärker betroffen, als es etwa meine Generation im Jugendalter war. Insofern ist es für mich tagtäglich die grösste Herausforderung, unsere Lebenswelt effektiv aus der Perspektive unserer Jugendlichen zu erfassen und damit unsere Schülerinnen und Schüler besser verstehen zu können. Natürlich sind Schulen, wie jedes gesellschaftliche System, auf strukturelle Kontinuität ausgerichtet. Beispielsweise werden Lehrpläne mit dem Anspruch verfasst, über Jahre hinweg Gültigkeit zu haben. Doch ob sie tatsächlich den Anforderungen gerecht werden, denen Jugendliche in Zukunft ausgesetzt sein werden, wird sich erst im Nachhinein feststellen lassen. Kurzum, am stärksten fordert mich die Frage, ob Bildung, wie ich sie selbst erworben habe und wie ich sie noch heute verstehe, tatsächlich am Puls der Zeit ist oder nicht.

… und was am meisten erfreut?

Vermutlich denkt man bei dieser Frage zuerst an die grossen Ereignisse, die etwas länger und lauter nachhallen. Etwa an einen Abschlussjahrgang, der ohne Misserfolge die Matura geschafft hat, oder an das neue pädagogische Leitbild, das nach zwei Jahren intensiver Arbeit das Licht der Welt erblickt hat. Persönlich freuen mich aber die weniger sichtbaren Ereignisse stärker: Die Kantonsschule Kreuzlingen versteht sich weiterhin als familiäre Schule – obwohl sie seit einigen Jahren nicht mehr wirklich eine kleine Schule ist. Familiär ist sie, weil sie nicht nur einen allgemeingültigen Rahmen für die gesamte Schulgemeinschaft bildet, sondern auch Energie und Zeit in individuelle Lösungen investiert. Hierfür gehen Lehrpersonen und Schulleitung manchmal unorthodoxe Wege. Wann immer dieses Engagement belohnt wird, schenkt dies meiner Arbeit viel Sinnhaftigkeit. Aber auch jede gelungene Neuanstellung, jeder erfolgreiche Übertritt zu unserer Schule oder jedes bewilligte Bildungssemester freut mich enorm. Summarisch sind alle kleinen Schritte erfreulich, die aus unserer Schule einen Ort machen, an dem man vieles lernt und ebenso gerne lebt.

Rektor Dr. phil. Marcello Indino bei seiner letztjährigen Weihnachtsansprache. (Julia Heier)

Was beschäftigt dich und die KSK aktuell?

Die Revision des Maturitätsreglements wirkt auf dem Papier minimalistisch beziehungsweise liesse sie sich für uns mit geringem Aufwand umsetzen. Vieles, etwa im Bereich Interdisziplinarität, Chancengerechtigkeit oder Einsatz für das Gemeinwohl, haben wir in den letzten Jahren gewissermassen vorweggenommen. Sieht man davon ab, stellt sie aber vor allem eine Chance dar, das eigene Curriculum grundlegend zu überdenken und eine – noch stärkere – Vernetzung der einzelnen Disziplinen voranzutreiben. Dies etwa im Sinne einer Konsolidierung des Curriculums, enger an einen gemeinsamen, interdisziplinären roten Faden. Also beispielsweise interdisziplinäre Unterrichtsphasen im Regelunterricht – so, wie wir es im Rahmen von Tandems punktuell jetzt schon praktizieren. Zum Beispiel mehrere Unterrichtswochen zum Themenfeld «Autorität und Widerstand» im Geschichts-, Philosophie- und Rechtsunterricht sowie in allen Sprachfächern oder zum Themenbereich «Wahrnehmung und Täuschung» im Physik-, Biologie-, Musik- und Kunstunterricht. Aber auch Veranstaltungsreihen oder Sondergefässe, die den überfachlichen Kompetenzen gewidmet beziehungsweise darauf ausgerichtet sind.

Welche Entwicklungen möchtest du im neuen Jahr unbedingt weiterverfolgen?

    Wir haben mit dem neuen pädagogischen Leitbild unsere Werte, aber auch unsere Entwicklungsziele, nicht nur bildlich gesprochen, kartiert und in einen sinnhaften Zusammenhang gebracht. Nun wird es darum gehen, sie auch im Schulalltag, also im gemeinsamen Umgang, einzuflechten. Nicht nur im Sinne expliziter Referenzierung, sondern vielmehr als gelebte Selbstverständlichkeit. Zum einen natürlich im Unterricht, zum anderen aber auch in Bezug auf soziale Normen. Nehmen wir etwa die grüne Trasse, die sich zwischen Offenheit sowie Neugierde bewegt und etwa über Ermöglichungskultur sowie Begeisterungsfähigkeit führt … Ermöglichungskultur und Offenheit auf der einen Seite müssen von Neugierde und Begeisterungsfähigkeit auf der anderen Seite genährt werden (und umgekehrt), um erhalten zu bleiben. Innerhalb der Schulgemeinschaft sollte sich also in allen Bereichen des pädagogischen Leitbildes ein alltägliches, gegenseitiges Geben und Nehmen entwickeln.

    Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz an der KSK heute – und welche sollte sie in den nächsten Jahren spielen?

      Wir haben vor wenigen Monaten eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die sich mit dem Prüfen und dem Bewerten in Zeiten künstlicher Intelligenz auseinandersetzt. Mitglieder sind Lehrpersonen verschiedener Fakultäten, sodass möglichst alle Perspektiven Beachtung finden. Der Fokus liegt aktuell auf der Maturitätsarbeit und dem neu eingeführten Fachgespräch. Die Entwicklungsarbeit soll sich aber nicht darauf beschränken, sondern kritisch hinterfragen, wie Leistungsnachweise in naher Zukunft gewissermassen KI-tauglich gemacht werden können. Es wäre falsch, davon auszugehen, dass alle Schülerinnen und Schüler bald ihre Texte nur mit mehr oder weniger grosser Unterstützung einer künstlichen Intelligenz verfassen werden. Ebenso falsch wäre es aber, dieses Szenario gänzlich zu negieren. Und an diesem Punkt eröffnet sich eine grundsätzliche Frage … Wie können wir als Schule den zunehmenden Einsatz von KI mit unseren Bildungszielen in Einklang bringen?

      Welchen Wunsch oder welche Botschaft gibst du der Schulgemeinschaft zum Jahresstart mit?

      Ich möchte mich an den französischen Philosophen Emile-Auguste Chartier (1868–1951) halten … Trotz individueller Alltagswidrigkeiten und globalen Multikrisen befinden wir uns in einer sehr privilegierten Lebenslage, die wir uns nicht erarbeitet oder verdient haben, sondern die uns (warum auch immer) einfach zugetragen wurde. Nicht nur was den Zugang und die Qualität von Bildung betrifft, sondern ganz generell. Und damit haben wir – nicht zuletzt als Zeichen der Wertschätzung und Dankbarkeit – zumindest die Pflicht, glücklich zu sein.

        Schreiben Sie einen Kommentar

        Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert