Am zehnten Termin der öffentlichen Vortragsreihe «KSK-Dialoge» sprach der Sport- und Geschichtswissenschaftler Benjamin Redder über Longevity. Die zentrale Frage lautet: Wie können Menschen möglichst lange gesund und leistungsfähig bleiben? Das Lösen eines Fitness-Abos beruhigt vielleicht das Gewissen, kann das Longevity-Konto allein aber nicht ins Plus bringen.
Carina Lukosch

Als Kind der 80er-Jahre wächst der ehemalige Profi-Wasserballer mit den heldenhaften «Masters of the Universe»-Figuren auf. He-Man, eine Figur, die mit ihrem magischen Schwert enorme körperliche Kräfte entfalten kann, ist sein muskelbepacktes Idol. Der junge Benjamin, vier Jahre alt, verträumt auf einer Schaukel, die He-Man-Spielfigur in der Hand, hat schon früh ein Ziel: «Wie kann ich so werden wie He-Man?»
Die Antwort auf diese Frage ist nicht in der Migros zwischen Proteinriegel und Fitness-Shake zu finden. Sie liegt vielmehr in der Auseinandersetzung mit sich selbst, in der Frage: Wo stehe ich gerade und wie ist mein Fitnesslevel? Denn der Ausgangsort auf dem Weg zu körperlicher und geistiger Gesundheit ist individuell. Eine Runde mit dem Rollator über das Burgerfeld kann ebenso zu Longevity beitragen wie ein 20-Kilometer-Lauf. Um einen Anfang zu machen, bestand nach dem spannenden Vortrag die Möglichkeit, die eigene Fitness an verschiedenen Stationen zu testen.
«Wir denken, weil wir uns bewegen»
Ähnlich wie Ablassbriefe, die über Jahre hinweg Seelenheil versprachen, verhält es sich mit muskelversprechenden Proteinprodukten und dem Fitness-Abo: Das Lösen eines Abos führt nicht zu einem möglichst langen und gesunden Leben, und Proteine allein fördern die Leistungsfähigkeit nicht. Was dem Körper wirklich hilft, leistungsfähig zu bleiben, ist Bewegung.

Der Muskel braucht einen Reiz, der ihn zu einer Bewegung veranlasst. Diese Bewegung wiederum fördert die Durchblutung, wodurch mehr Botenstoffe an das Gehirn weitergegeben werden. Es ist also ganz einfach: Ist das Gehirn gut versorgt, ist auch die Leistungsfähigkeit höher. Im Alltag merken wir das an unserer Konzentrationsfähigkeit. Wir können uns Dinge besser merken, die Einkaufsliste oder wichtige Termine zum Beispiel. Wir denken also, weil wir uns bewegen. Möchten wir unserem Gehirn etwas Gutes tun, sollten wir Pausen und Erholungsphasen nicht mit hochgelegten Füssen und dem Handy in der Hand verbringen, sondern aktiv gestalten, beispielsweise mit einem Spaziergang.
«Ich trainiere, um erschöpft zu sein»
Wer die eigene Leistungsfähigkeit steigern möchte, muss allerdings etwas mehr investieren als nur «aktive Pausen» zu machen. Ein gesetzter Reiz hat, je nach Intensität und Belastungsdauer, Ermüdung zur Folge. Das mag der Körper nicht. Er empfindet diese Ermüdung als Stress und möchte diesen Zustand möglichst verhindern. Deshalb passt er sich an die Belastung an. Das führt dazu, dass die Phase bis zum Eintreten der Ermüdung bei folgenden Belastungen länger wird. Die Leistungsfähigkeit wird also erhöht. Dieses Prinzip nennt man wirksamen Belastungsreiz. Ein weiteres wesentliches Prinzip für erfolgreiches Training ist die progressive Belastungssteuerung: Das Training muss in gewissen Abständen gesteigert und der Trainingsreiz entsprechend angepasst werden. Erst dann wird tatsächlich auf das Longevity-Konto eingezahlt.

Pensionskasse für das eigene Wohlergehen – Nachzahlen möglich
Tatsache ist: Menschen, die nicht trainieren, bauen ab dem 30. Lebensjahr jährlich rund ein Prozent ihrer Muskelmasse ab. Das Durchschnittsalter im Raum liegt jenseits der Dreissig. Ein Anflug von Ernüchterung ist spürbar; die Gedanken kreisen um die aktiveren Jahre der Jugend. «Wenn ich früher einmal viel Sport gemacht habe, kann ich daran dann anknüpfen?», möchte jemand aus dem Publikum wissen. Auch die Frage, ob es sich überhaupt noch lohne, jenseits der Dreissig mit einem Training zu beginnen, steht im Raum. «Der Muskel hat ein Gedächtnis», beruhigt der Sportwissenschaftler. «Ich komme also schneller wieder zu meinem vorherigen Trainingszustand zurück.» Und er ergänzt: «Nachzahlen ist – ebenso wie in der Pensionskasse – möglich. Es ergibt also immer Sinn, mit einem Training zu beginnen.»
Dass Joggen und Radfahren zur Gesundheit beitragen, ist wohl allen Anwesenden klar. Warum aber das Tragen von Gewichten eine grössere Rolle für Longevity spielt als der Wunsch, einem Superhelden wie He-Man optisch näherzukommen, ist für viele neu. Zu einem guten Training im Sinne eines langen und gesunden Lebens gehört auch Krafttraining. Die Knochendichte verringert sich ab dem 40. Lebensjahr. In Verbindung mit dem bereits seit zehn Jahren fortschreitenden Muskelabbau steht der Knochen zunehmend schlechter da. Es steht weniger Muskelmasse zur Verfügung, die ihn schützen kann. Der Knochen ist Stürzen stärker ausgesetzt und zudem weniger dicht als in jungen Jahren. Kurzum: Die Gefahr eines Knochenbruchs steigt.
Hier kommt das Krafttraining ins Spiel: Beim Bewegen von schweren Gewichten zieht der Muskel über die Sehne am Knochen. Dieses Ziehen stimuliert den Knochen und führt dazu, dass seine Dichte zunimmt. Ähnlich verhält es sich beim Springen: Die Sprungbewegungen erzeugen Erschütterungen, die der Körper abzufangen versucht; auch dadurch wird die Knochendichte erhöht.
«Siri, verhilf mir zu Longevity!»
Kritisch betrachtet der Sportwissenschaftler die technischen Errungenschaften der vergangenen Jahre, da sie uns zunehmend Bewegung abnehmen: E-Scooter fahren uns zur Arbeit, Siri legt unsere Lieblingsmusik auf. Ob wir dazu tanzen und so eine Pause aktiv verbringen, bleibt allerdings uns überlassen. Fest steht: Wer Bewegung in seinen Alltag integriert, profitiert sowohl physisch als auch psychisch. Zahlreiche Prozesse im Körper finden über Bewegung statt. Nimmt diese ab, wird auch die Leistungsfähigkeit anderer Bereiche eingeschränkt. Der Muskel setzt Eiweisse frei, die für ein effizientes Immunsystem wichtig sind, positive Auswirkungen auf die Leber haben, bei der Verwertung von Insulin helfen und das persönliche Wohlbefinden steigern. Durch Bewegung produziert der Muskel rund 3000 Botenstoffe. Sie versorgen das Gehirn und fördern die Erneuerung von Hirnzellen. Bewegung ist demnach nichts anderes als Dünger für das Gehirn. Der Muskel ist also weit mehr als ein Motor. Er ist das Herzstück der Longevity. Ein Fitness-Abo allein ist deshalb kein moderner Ablasshandel – das Training hingegen schon ein wertvoller Beitrag zu einem langen und gesunden Leben.
Die Begeisterung für den Sport ist dem Historiker anzusehen. Dana Bonifer, die den Abend moderiert, erkennt sogar eine sprachliche Verbindung zwischen Sport und dem Nachnamen Redder. Im Niederdeutschen bedeutet «redder» so viel wie schmaler Weg zwischen zwei Hecken. Damit liefert der Name beinahe einen Hinweis auf die Passion des Sportwissenschaftlers: Die Bahnen im Schwimmbad, die der jugendliche Redder unzählige Male rauf und runter geschwommen ist.

Der nächste KSK-Dialog findet am Samstag, 7. November um 11.45 Uhr in der Werkaula (C-Gebäude) statt. Rektor Marcello Indino referiert zum Thema «Flowerlebnis und Leistungserfolg – Erkenntnisse aus der Motivationspsychologie». Alle Interessierten sind auch hierzu herzlich eingeladen.

