Einmal Kulturreise nach Russland, bitte!

Einmal Kulturreise nach Russland, bitte!

Am letzten Anlass dieses Schuljahres im Rahmen der öffentlichen Vortragsreihe «KSK-Dialoge» referierte Dr. phil. Anna Kisters über die Sowjetunion. Die Russisch- und Französischlehrerin, unterstützt von ihren Schwerpunktfachklassen, nahm das zahlreiche Publikum mit auf eine bildgewaltige Reise durch die Geschichte Russlands und der frühen Sowjetunion.

Corina Tobler

Wie erzählt man Geschichte? In Form von Presseberichten und Sachbüchern? Vielleicht. Doch es gibt auch andere Möglichkeiten: Die Kunst, die Literatur und die Sprache einer Gesellschaft transportieren ebenso Botschaften. Genau auf diese Botschaften fokussiert Anna Kisters in ihrem KSK-Dialog zum Thema «Zwischen Wirklichkeit und Ablehnung: Die Poesie der Bilder im Kino der Sowjetunion». Neben einem breiten Spektrum von Werken aller möglicher Gattungen nutzt Kisters, die im Kanton Thurgau das Schwerpunktfach Russisch aufgebaut hat, vor allem Filme, um dem Publikum einen Blick von innen auf Russland und die frühe Sowjetunion von 1900 bis in die 1940er-Jahre zu ermöglichen.

Der Weg zur Revolution

Wer im Jahr 1900 eine Reise antritt, unternimmt dies oftmals mit dem Zug. Sinnbildlich dafür, wie das 20. Jahrhundert das Ende der Romanov-Dynastie einleitet, blendet Anna Kisters das Fabergé-Ei samt Modell der Transsibirischen Eisenbahn ein, das Zar Nikolaus II. seiner Gemahlin 1900 zu Ostern schenkte. Während Züge für Fortschritt oder wirtschaftliche Entwicklung stehen, können sie auch mit dem Tod (wie in Tolstois Meisterwerk Anna Karenina), Revolution oder den Weltkriegen in Verbindung gebracht werden. Auf all diese Themen kommt Anna Kisters, mal auf Deutsch, mal auf Russisch, zu sprechen.

Dr. phil. Anna Kisters wechselt zwischen der russischen und deutschen Sprache spielerisch hin und her. (Julia Heier)

Den Weg zu den drei Revolutionen in Russland (1905, Februar und Oktober 1917) und in die Zeit Lenins zeigt Anna Kisters mit Ausschnitten aus Filmen aus. Eine zentrale Rolle spielt Sergej Eisensteins Stummfilm Panzerkreuzer Potemkin (1925). Mittels verschiedener Ausschnitte zeigt die Referentin auf, wie die Obrigkeiten, die ihre Matrosen mit Fleisch voller Maden abspeisen und bei Aufmüpfigkeit mit dem Tod bedrohen, ihr süffisantes Lächeln verlieren. Erst lehnt sich ein Mann, dann die Besatzung und letztlich auch die Bevölkerung gegen sie auf. Die Meuterei auf der Potemkin ist eines mehrerer Ereignisse im Revolutionsjahr 1905, das mit dem Blutsonntag begann.

Die Februarrevolution lässt Anna Kisters in Form des Finales von Sergej Prokofievs 3. Klavierkonzert geschehen, eines Werks, das zur Zeit der Revolution entstand. «Man hört die Unruhe, die auf der Strasse herrschte und in die auch der Komponist sich freiwillig begab; und zum Glück überlebte», so Kisters. In den auf die Februarrevolution folgenden Monaten unter der Übergangsregierung von Kerenski (wie Lenin in Simbirsk aufgewachsen und zur Schule gegangen) sei Russland wohl das freiste Land der Welt gewesen.

Prägende Kriegszeit

Wer nun auf Lenin wartet, muss erst den Zug von Zürich nach Sankt Petersburg, damals Petrograd nehmen, wo dann die Oktoberrevolution geschieht. Die Namensänderung erfolgte zugunsten einer klaren Abgrenzung von Deutschland im Ersten Weltkrieg und galt bis 1924, als die Stadt in Leningrad umbenannt wurde (bis 1991). Lenin und die Bolschewiki kamen mit Gewalt und starken Slogans an die Macht, lösten aber auch einen Bürgerkrieg aus und schränkten die Freiheit des Volkes massiv ein. So erstaunt es nicht, dass die Filmausschnitte aus dieser Zeit sowohl Trauer als auch Freude über Lenins Tod 1924 nahelegen. «Ebenfalls zentral war zu dieser Zeit, dass Lenin instruierende, gute Filme wünschte. Folglich entstanden Dokumentationen, die teilweise auch Propaganda enthielten», erläutert Anna Kisters und zeigt etwa Ausschnitte aus Kino-Glaz (1924) von Dziga Vertov.

Filmplakate und -ausschnitte gewähren dem Publikum einen Blick auf Russland und die frühe Sowjetunion von 1900 bis in die 1940er-Jahre. (Julia Heier)

Auf Lenin folgten Konkurrenzkampf und Repression unter Stalin und der Zweite Weltkrieg mit 27 Millionen Gefallenen auf Seiten der Sowjetunion. «Das Trauma und die Geisseln dieses Krieges prägen Russlands Gesellschaft bis heute», sagt Anna Kisters. Dafür und für alle genannten Ereignisse stellvertretend blendet sie Szenen aus dem 30-minütigen Animationsfilm Märchen der Märchen (1979) von Juri Norstein ein. Der Zug darin nimmt das Publikum dieses Mal an die Kriegsfront mit, weg vom heilen Alltag, hin zu zerrissenen Familien. Der kleine Wolf aus dem berühmten russischen Wiegenlied, der Protagonist des Filmes und repräsentativ für das Land, schaut das alles mit an.

Wunsch nach mehr Dialog

Der Vortrag, in den Anna Kisters auch Gedichtrezitale ihrer Schwerpunktfachklassen und Erinnerungen an ihre eigenen Russlandreisen einbaut, regt zum Nachdenken an. Über den russischen Ausspruch «Nichts ist so unvorhersehbar wie die Vergangenheit.» Über unsere Gedanken zu Russland damals und heute. Über die aktuelle Situation. Ihr Ziel, das macht Anna Kisters glasklar, sei stets ein Dialog. Statt Ablehnung zu zeigen, solle man den Austausch suchen, verschiedene Quellen konsultieren (vielleicht einmal andere Zeitungen lesen) und gegenseitiges Verständnis fördern. Dann – so der Wunsch nicht nur der Russischlehrerin, sondern auch vieler im Publikum – wären auch Reisen mit Schwerpunktfachklassen nach Russland wieder möglich.

Die KSK-Dialoge finden auch im Schuljahr 2026/27 statt. Am 08.09.. referiert Sport- und Geschichtslehrer Benjamin Redder zum Thema «Fitnesstraining – moderner Ablasshandel oder Weg zur Longevity?»

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